Antidepressiva: Was man über Einnahme und Absetzen wissen muss

Wenn ich in den letzten Jahr etwas gelernt habe, dann ganz bestimmt, dass gerade beim heiklen Thema Depression Hintergrundinformation und Fakten notwendig sind. Um sich eine Meinung zu bilden nämlich! Und um Entscheidungen zu treffen und auf diese Weise sein Leben – trotz Erkrankung – selbstbestimmt leben zu können.

 

Mit Depression leben: Eigeninitiative zeigen

Vor allem in jüngeren Jahren habe ich mich viel zu sehr darauf verlassen, was andere (Ärzte und Therapeuten) meinen, dass gut für mich sei. Nach und nach aber habe ich begonnen, mich intensiv mit mir und mit meiner mir eigenen Erkrankung auseinander zu setzen. Zum Glück!

Vor allem im Hinblick auf die gängige Medikation stellen sich einige Fragen, die durchaus kontrovers diskutiert werden müssen. Sind Antidepressiva zwingend notwendig? Was stellen die Tabletten in meinem Gehirn an? Was gibt’s zu den Nebenwirkungen von Psychopharmaka zu sagen? Und vor allem: Warum ging’s mir oft so grottenschlecht beim Vorhaben, die Medikamente abzusetzen?

 

Antidepressiva bei leichten Depressionen: Nebenwirkungen werden oftmals unterschätzt

Eines ist für mich klar: Nebenwirkungen von Antidepressiva werden oftmals unterschätzt beziehungsweise klein geredet. Das mag daran liegen, dass die heutigen Präparate (SSRI) im Gegensatz zu früheren Mitteln tatsächlich nebenwirkungsärmer sind, was aber natürlich nicht gleichbedeutend damit ist, dass sie ausnahmslos gut vertragen werden und gar keine Nebenwirkungen zu erwarten sind. Ganz im Gegenteil!

Und außerdem ein Klassiker: Wenn die große, böse Depression medikamentös an den Rand gedrängt ist, neigt man dazu, Nebenwirkungen des Antidepressivums zu verharmlosen. Im Vergleich fühlt man sich eben immer noch besser als vorher, als man am liebsten kopfüber von der nächsten Brücke gesprungen wäre. Ging mir nicht anders … Dankbar war ich, dass das Mittel wirkt! Die Nebenwirkungen, die halte ich schon aus. Ganz ehrlich: Heute sehe ich das eindeutig anders!

 

Die gängigsten Nebenwirkungen von SSRI-Präparaten im Überblick

  • Sexuelle Funktionsstörungen (gerade hier herrscht großes Schweigen, weil Tabuthema)
  • Gewichtsstörungen (vorwiegend Zunahme des Gewichts)
  • Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Unruhezustände
  • Mundtrockenheit
  • Symptome im Magen-Darm-Bereich (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall)
  • Übermäßiges Schwitzen
  • Herz-Kreislauf-Beschwerden

 

Auf Antidepressiva verzichten: Mitunter spielt der Körper verrückt

Kommen wir nun zu einem wesentlichen Punkt, wenn es darum geht, Antidepressiva wieder abzusetzen: Der Körper spielt dabei oft völlig verrückt! Und das ist einem im Tun oftmals nicht bewusst beziehungsweise wird der Absetzprozess (oder besser: Ausschleichprozess, weil man sollte den Körper sehr langsam entwöhnen) auch viel zu wenig ärztlich begleitet.

Entsprechende Aufklärung findet oftmals nur unzureichend statt. Oder – auch schlimm – Antidepressiva werden einfach auf eigene Faust abgesetzt und – glaubt mir – das kann nur in die Hose gehen! Ich habe das alles durch …

 

Antidepressivum absetzen: Das passiert im Gehirn

Wird das Medikament abrupt abgesetzt, wirkt plötzlich nichts mehr auf den Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn. Gewissermaßen kommt es zu einem Umkehrprozess: Das, was das Antidepressivum im Zentralnervensystem bewirkt hat, wird ins Gegenteil verkehrt. Der Serontonin-Transporter ist mit einem Mal nicht mehr gehemmt.

Das Resultat? Serotonin wird von den Nervenzellen entsprechend aufgenommen. Deren Rezeptoren verändern sich wieder (werden sensibler und mehr, das ist ein längerer Prozess). Die direkte Auswirkung: Der Serotonin-Spiegel sinkt rapide ab, der Körper kann das entstandene Ungleichgewicht selten von einen Moment auf den anderen ausgleichen.

Die Folge? Starke Nebenwirkungen, die jenen, die bei der Einnahme von Antidepressiva auftreten, ähneln beziehungsweise durchaus auch an jene Anzeichen einer mittelschweren bis schweren Depression herankommen.

In einfachen Worten ausgedrückt: Das Absetzen von Antidepressiva kann richtig heftiges Chaos im Kopf bewirken! Und das wirkt sich auf nahezu alle Bereiche des Körpers aus!

 

Symptome beim Absetzen von Antidepressiva im Überblick

  • Gleichgewichtsstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Beschwerden im Magen-Darm-Bereich
  • Appetitverlust
  • Schlafstörungen
  • Angstzustände
  • Stimmungseinbrüche
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Beschwerden im Herz-Kreislauf-Bereich
  • Schwindel, Zittern, Muskelzuckungen
  • Reizbarkeit, innere Unruhe, Angespanntheit, Aggression, eventuell selbstverletztendes Verhalten
    übermäßiger Speichelfluss
  • Symptome, die an einen grippalen Infekt erinnern

 

Wie lange und in welchem Ausmaß können diese Symptome auftreten?

Tja, das ist so individuell wie der Mensch selbst. Bei manchen Betroffenen dauern sie lediglich wenige Stunden, andere plagen sich monatelang und bei besonders Glücklichen treten sie womöglich gar nicht auf. Auch die Stärke ist variabel.

 

Was kann helfen?

Einen kompetenten Facharzt zu Rate zu ziehen und das Antidepressivum so langsam wie nötig auszuschleichen! Denn eines ist bewiesen und ich hab’s am eigenen Leib erfahren: Auch wenn die Medikamente nur für einen kurzen Zeitraum eingenommen wurden (wenige Wochen), können die Nebenwirkungen beim Absetzen richtig heftig ausfallen.

Zudem empfehle ich unbedingt sich unterstützend über alternative Absetzmethoden zu informieren. Ein erster Anhaltspunkt dafür ist z.B. der Blog „Naturallyhealthymind.com“ von Martin Lorenz.

 

Absetzerscheinung, Entzugserscheinung oder vielleicht gar ein Rückfall?

Ganz spannend in der Diskussion, wie ich finde: Wie bezeichnet man diese höllischen Symptome, die beim Absetzen des Antidepressivums auftreten können, denn nun eigentlich?

Fachleute sprechen in der Regel von Absetzerscheinungen, in kontroversen Diskussionen fällt durchaus der Begriff „Entzugserscheinungen“ und so manch (unaufgeklärter) Fachmann oder Laie meint gar, es mit einem Rückfall zu tun zu haben (und dann werden die Antidepressiva rasch wieder eingenommen, oftmals die falsche Entscheidung).

Grundsätzlich – so denke ich – kann man davon ausgehen (vorausgesetzt man befindet sich in einer stabilen Phase und setzt das Antidepressivum nach reiflicher Überlegung ab), dass auftretende Symptome in den meisten Fällen NICHT mit einem Wiederaufflammen der Depression zusammenhängen. Viel wahrscheinlicher sind sie schlicht und ergreifend darauf zurückzuführen, dass sich der Serotonin-Stoffwechsel im Körper wieder umstellt.

Abzugrenzen ist der Begriff „Absetzerscheinungen“ meiner Meinung nach ganz klar von „Entzugserscheinungen“. Möglich, dass einen die Heftigkeit der Symptome dazu veranlasst, zweiteren Begriff zu nutzen. Ging mir ganz gleich! Ich habe nie im Leben Drogen genommen, aber exakt so stelle ich mir einen kalten Entzug vor.

Zwar handelt es sich bei den Symptomen sehr wohl um physiologische Prozesse (also eingebildet ist da nichts), aber davon, dass Antidepressiva suchtähnliche Eigenschaft haben (es also tatsächlich ein physiologisches Verlangen gibt, sie immer wieder zu sich zu nehmen), möchte ich Abstand nehmen. Allerdings gehe ich (vor allem nach meiner Erfahrung) schon davon aus, dass sich die Symptome in ihrer Stärke durchaus recht ähnlich sein können.

 

Antidepressiva absetzen: Der Sache Zeit geben

Wann ist nun der richtige Zeitpunkt, ein Antidepressivum abzusetzen? Nun, wesentlich ist hier, mit einem kompetenten Psychiater gemeinsam genau draufzuschauen: Bin ich so weit stabil und soll das Medikament abgesetzt werden, weil ich es nicht dauerhaft einnehmen möchte? Oder geht es darum, dass das Medikament so starke Nebenwirkungen verursacht, dass ein Absetzen unumgänglich ist? Was ist das Ziel? Dauerhaft ohne Medikation auszukommen oder ein Medikationswechsel?

All das berücksichtigend, muss ein Behandlungsplan im Hinblick auf ein individuell passendes Ausschleichen des Präparats entworfen werden. Meine Meinung dazu: Ohne Patient geht das nicht! Ein engmaschiger Kontakt, bei dem Veränderungen durch die Reduktion der Medikation sowie Nebenwirkungen besprochen werden, ist absolut notwendig. Möglicherweise muss die Dosierung gar während des Ausschleichens adaptiert werden. Wichtig also, sich in gute Hände zu begeben, und ein Antidepressivum KEINESFALLS auf eigene Faust auszuschleichen.

Grundsätzlich kann vermutet werden, dass es bei langsamer Reduktion der Dosierung zu einer Verringerung der Absetzerscheinungen kommt. Eine Garantie gibt es hierfür aber leider nicht. Wie das Ausschleichen nun tatsächlich vonstatten geht, ist immer auch davon abhängig, wie lange und in welcher Dosierung das Präparat zuvor genommen wurde. Bei mir persönlich (ich habe mein letztes Antidepressivum vor etwa zwei Jahren abgesetzt und damals bereits über zwei Jahre eingenommen in relativ hoher Dosis) hat sich dieser Prozess über Monate gezogen (alle paar Wochen kam es zu einer leichten Reduktion). Und das war denkbar gut so!

2 thoughts on “Antidepressiva: Was man über Einnahme und Absetzen wissen muss

  1. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es ein schwieriger Schritt ist, sich dazu zu entscheiden Antidepressiva abzusetzen, doch noch schwieriger sind die Nachfolgen. Wenn du deinem Körper über einen längeren Zeitraum Hormone zuführst und ihn so „manipulierst“, spielt er logischerweise total verrückt, wenn er diese Hormone nicht mehr bekommt. Am ersten Tag nach dem Absetzen fing es schon an, dass ich an Schüttelfrost litt und zunächst dachte, dass ich eine Erkältung ausbrüte. An den darauf folgenden Tagen war mir den ganzen Tag über übel und ich hatte vor allem abends im Bett angsteinflößendes Herzrasen. Auch Panikattacken, die ich vorher nicht hatte, waren plötzlich ein Thema. Ich würde Antidepressiva nie mehr ohne ärztliche Betreuung und vorheriger Absprache absetzen!

  2. Mein Mann hat über Jahre hinweg vergeblich versucht, die ihm verordneten Antidepressiva abzusetzen. Leider ohne Erfolg, was seine Depression jedes Mal noch verschlimmerte. Erst als er mit einer Ernährungsumstellung seine Konstitution generell aufbaute und dann die Psychopharmaka ganz wegließ, gelang es ihm. Er hat mittlerweile Freude daran, immer mehr Mittel selbst zu finden, die ihm einfach gut tun. Eine Rückkehr ins „Zombiestadium“, wie er seine Zeit mit Antidepressiva heute beschreibt, kann er sich nicht mehr vorstellen.
    Für trübe Winter und Herbsttage habe ich ihm eine Tageslichtlampe besorgt und ansonsten geht es ihm gut, was sich auch sehr positiv auf sein näheres Umfeld ausgewirkt hat.

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