Mama und Depression: Wenn man sein Kind nicht lieben kann

Der Wurl schläft endlich den Schlaf der Gerechten, die Rübe liegt im Bett und hört ein Hörbuch und Mama kommt dazu, ein paar Zeilen zu schreiben. Die Küche, die aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen, wollen wir an dieser Stelle ausblenden. Herzallerliebst kommt später vom Training, vielleicht hat er ja dann noch Muße …

 

Die Depression, mein Kind und ich

Der folgende Beitrag fällt mir schwer. Aber es ist der, mit dem alles steht und fällt. Denn die Erkenntnis, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt, liegt genau hier begraben. Also wollen wir sie ausbuddeln, die Vergangenheit. Der Verarbeitung wegen.

Ich konnte mein Kind nicht lieben!

Zumindest nicht so, wie man es sich ausmalt. Wie es die Gesellschaft von einem erwartet, wie man es selbst von sich erwartet und wie es im Grunde genommen auch sein sollte. Für eine gute Mutter-Kind-Bindung nämlich, die Entwicklungspsychologen ja gerne besonders hervorheben.

Heute bin ich so weit, das zugeben zu können und ich stehe dazu. Denn heute sind die Vorzeichen ganz andere: Ich habe lange an mir gearbeitet, den depressiven Schatten bekämpft, ihn zurückgedrängt und kann nun reinen Herzens behaupten: Ich liebe meine Rübe! Über alles! Bis zum Himmel und zurück! Und den Wurl natürlich ebenso. Aber es war ein langer, steiniger Weg.

 

Schwangerschaft und depressive Krise: Sind Tränen wirklich so normal?

Die Schwangerschaft mit der Rübe war schrecklich für mich. Viel anstrengender, als ich es je für möglich gehalten hatte. Im Grunde genommen darf ich nicht meckern, denn ernsthafte Beschwerden hatte ich keine. Aber die Übelkeit hat mir den letzten Rest gegeben (die ersten Wochen habe ich außer gekotzt nur gekotzt). Und dann war da so eine Schwere in mir. Ich fühlte mich gefangen in meinem eigenen Körper, weil da eben etwas darin wuchs. Es war surreal. Das Wunder Mensch wuchs in mir heran, aber ich empfand das nicht so – im Gegenteil! Es war mir unheimlich. Noch dazu legte ich gefühlte Tonnen an Gewicht zu und fühle mich einfach nur fett.

Im Nachhinein betrachtet weiß ich, dass die Depression damals erbarmungslos zuschlug. Es mag eine Kombination aus Veranlagung und Hormonumstellung gewesen sein, möglich. Mein schwangeres Ich jedenfalls lag stundenlang im Bett, starrte an die Decke oder weinte (manchmal auch beides gleichzeitig). Herzallerliebst war ratlos. So hatte er sich das nicht vorgestellt (ich ja ebenfalls nicht). Mein Gynäkologe nahm meine Beschwerden leider alles andere als ernst. Das sind die Hormone, da muss man durch. Und sonst sieht ja alles hervorragend aus. Von wegen …

 

Horrortrip Geburt

Als am 17. Januar abends die Fruchtblase platzte und gleich darauf Wehen einsetzten, war ich im siebten Himmel. Endlich würde ich diese katastrophale Schwangerschaft gegen mein Wunschmädchen eintauschen können. Mein Körper würde wieder mir gehören und Herzallerliebst, meine Wenigkeit und die Rübe würden bis an unser Lebensende glücklich und zufrieden sein.

Ich weiß noch genau, wie mein Göttergatte im Krankenwagen neben mir saß, die Kliniktasche auf dem Schoß und mich anstrahlte. Und dann platzte zusätzlich zur Fruchtblase auch diese Traumvorstellung, denn das Leben ist nunmal kein Märchen und leider auch kein Wunschkonzert …

Im Krankenhaus wurde ich sofort an den Wehentropf gehängt (schon im Krankenwagen hatte sich jede regelmäßige Wehentätigkeit verabschiedet). Aufstehen durfte ich nicht. Die Herztöne des Babys seien nicht optimal, sagte man uns auf Nachfrage knapp. Da lag ich nun, angeschlossen ans CTG, machte mir Sorgen um die Rübe, war todmüde und nichts tat sich. Über Stunden ging das so. Die Dosis am Wehentropf wurde stetig hochgefahren, meinen Muttermund ließ das aber kalt.

Herzallerliebst gab sein Bestes, mich aufzuheitern, doch auch ihm waren Unsicherheit und Erschöpfung mit der Zeit deutlich anzumerken, was mich zusätzlich unsicher machte. So hatten wir uns die Geburt unseres Sonnenscheines nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht!

Ich möchte es kurz machen, auch, weil ich mir die Details ersparen will. Es ist doch einiges an Ballast, der da wieder hochkommt. Der krönende Abschluss des Horrortrips „Geburt“ war jedenfalls ein Notkaiserschnitt! Die Rübe lag danach einige Tage lang auf der neonatologischen Station. Ich (ihre Mutter!) habe sie erst Stunden nach ihrer Geburt das erste Mal gesehen. So viel zum Bonding nach der Geburt, das ja – wie man weiß – maßgeblich für jede Eltern-Kind-Beziehung ist.

 

Und danach? Unendliche Leere!

Die Wochen und Monate nach der Rüben-Ankunft in dieser Welt sind total verschwommen. Ich konnte nicht schlafen, kaum essen und habe unendlich viel geweint. Die Rübe schrie stundenlang und ließ sich durch nichts und niemanden beruhigen. Auch das Stillen klappte ganz und gar nicht und schließlich gab ich entnervt auf.

Egal, was ich tat, es war nicht gut genug! Ich weiß noch, wie ich dieses rotgesichtige, schreiende Bündel Mensch oft ansah und einfach nichts empfand. In mir war absolute Leere. Ich fühlte nichts!

Herzallerliebst unterstützte mich, wo er nur konnte. Seine Sorgen konnte er kaum verbergen. Ich war nicht mehr ich selbst und dass ich zu unserem Baby absolut keine Beziehung aufbauen konnte, entging ihm nicht.

An manchen Tagen flehte ich ihn unter Tränen an, uns nicht zu verlassen, wenn er zur Arbeit in die Schule aufbrach. Die Zeit ohne ihn kam mir wie eine dunkelschwarze Ewigkeit vor. Manchmal lief ich stundenlang mit der Rübe im Tragetuch (im Kinderwagen schrie sie noch mehr) durch die Gegend und wusste nichts mit uns anzufangen. An einigen Tagen schaffte ich es kaum, mir die Zähne zu putzen. Nicht selten traf mich Herzallerliebst beim Heimkommen so an, wie er mich verabschiedet hat: ungewaschen, in fleckigem Pyjama, die kreischende Rübe neben mir.

 

Auf zu neuen Ufern: Diagnose Depression

Streng genommen haben wir es Herzallerliebst zu verdanken, dass ich der Depression den Kampf ansagen konnte. Der machte das Trauerspiel glücklicherweise nämlich nicht lange mit, recht bald riss ihm der Geduldsfaden. Nach einem heftigen Streit (die Wahrheit konnte ich damals noch nicht an mich heranlassen), willigte ich ein, mit einem Psychiater zu sprechen. Um des lieben Friedens willen! Im Nachhinein hat mir Herzallerliebst gestanden, dass er sich nicht nur wahnsinnige Sorgen um mich gemacht hat, sondern vor allem um unser Baby. Allein deshalb musste er handeln!

Den Termin beim Psychiater empfinde ich rückblickend als Befreiungsschlag und er brachte die Wende in meinem/unserem Leben. Endlich war da jemand, der mich und meine Probleme wirklich ernst nahm! Und nach einigen Terminen hatte der schwarze Schatten fürs Erste einen Namen: Postpartale Depression!

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